Paradox Wunder

2010 Januar 26

Foto by Flickr Shuk One

Um von ein paar fröhlichen oder skurrilen Begegnungen des israelischen Sicherheitspersonals zu berichten, fällt mir als erstes die Szene am Checkpoint in Ramallah ein. Nach dem üblichen Prozedere, warten, durchs Drehkreuz, Rucksack und Gürtel ausziehen und üblichen Dialog “Visa, yes? Picture, yes? Okay, pass.”  konnte ich mir nachdem ich bereits Visa und Bild zeigte immer noch nicht verstehen was sie wollte. Es dauerte etwas bis klar wurde, dass sie meinen neuen (im Schwarzlicht leuchtenden) 8-Shekel-Nagellack genauso klasse wie ich findet. Die zweite Begegnung explizit mit Soldatinnen trug sich in der Innenstadt Jerusalems zu, als aus einem Bus eine bis unter die Zähne bewaffnete Female Combat Unit der IDF ausstieg. Das sieht ungefähr so aus wie auf dem Bild oben. Wir waren auf dem Weg ins Marakia, einer Mischung aus Vokü und Restaurant, soll heißen: Essen eher Vokü und die Preise eher Restaurant sind. Einige der Soldatinnen aßen auch dort. Inzwischen bin ich schon “gewohnt” ab und an mal ein Maschinengewehr zu sehen, doch gerade in solchen Situationen ist es doch befremdlich, wenn mensch beim auf Klo gehen in einem Restaurant damit konfrontiert wird. Oder im Bus. Nicht selten passiert es (in Jerusalem) dass einem ein Soldat gegenübersitzt und an dem Platz zwischen den Füßen eben kein Rucksack steht sondern ein (gesichertes) M-16. Paradox an der Situation ist, dass ich mich schnell daran gewöhnen konnte und manchmal sogar denke, dass Waffen für Sicherheit und nicht für das Gegenteil sorgen… Ich bin wie routiniert ich beim Einlass in Supermarkt/Uni etc meine Tasche vorzeige, damit die Menschen sie inspizieren. In dieser Hinsicht gibt es einen großen Unterschied zwischen Jerusalem und Tel Aviv. In T.A. gibt es weniger Kontrollen, auch nicht unbedingt im Supermarkt, wie auch der Rest der Stadt wesentlich entspannter und friedvoller ist. (Ein Wunder auf diesem Flecken Erde)

Ein weiteres wundervolles Fleckchen ist die Barbur Gallery in Nachlaot. Ein Artist-Run-Space (das ist auch hier in Zauberwort) von und für Künstler_innen. Keine primären kommerziellen Interessen, dafür gute Ausstellungen und interessante Veranstaltungen. Auch ein Wunder (direkt in der Nähe vom Shuk Mahane Yehuda), wo es gerade The Quest for the Man on the White Donkey von Yaakov Israel zu sehen gibt. Diesen Ort besuchten wir mit Yona, die uns auch mit nach Yad Vashem nahm. Endlich mal Holocaust hier! Wird ja auch nach einem halben Jahr mal Zeit. Semester fast zu Ende und noch nicht einmal das Wort im Blog. Kaum zu glauben. Auf jeden Fall war ich das zweite mal in Yad Vashem und nun mit einigem an zusätzlichem Wissen und theoretischen Überlegungen zu kollektiven Erinnerungen, persönlichen Erinnerungen, offiziellen Diskursen und paralellen Narrativen. Wie wertfoll dieses Wissen wird zeigt sich bei der daran anknüpfenden Frage inwieweit und mit welchen Mitteln Erinnerungen hergestellt werden. Yad Vashem bietet da einiges zum lernen angefangen dabei welches Material verwendet wird, wer es generierte (und ob die Verwendung dessen ethisch vertretbar ist) bis hin zu einer grenzwertigen Vitrinen die mit einem Löffel und einem Kinderschuh bestückt ist, die gemeinsam mit Fotos und Text an das Massaker von Babyn Jar erinnern soll. Oder darüber wie eine Agenda architektonisch umgesetzt werden kann. Dennoch: Yad Vashem bleibt ein angemessener Ort der Erinnerung, der sich vielleicht am würdevollsten in Inneren des Denkmal für die ermordeten Kinder zeigt. Und es gelingt sich respektvoll zu erinnern und aus den Erinnerungen Folgerungen und Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, um nicht zu erstarren.

Checkpoint Bethlehem - 6_flickr cc by-sa michalska1_2009

Ein weiteres Wunder, was schon einen Monat und ca. 2010 Jahre zurückliegt: die Geburt Jesu. Na Hossa. Nach einem unorthodoxen Heiligabendessen machten wir uns auf den Weg zur Geburtskirche in Bethlehem, die natürlich auch strikt nach Konfessionen aufgeteilt ist. Stilsicher wäre es wohl gewesen nach der Mitternachtsmesse in Jerusalem mit dem Pilgerzug zu Fuß nach Bethlehem zu marschieren- es geht allerdings auch mit dem Auto. Als wir gegen 3:00h ankamen wurden bereits die Leinwände auf dem Krippenplatz abgebaut und der Andrang war relativ gering, was sogar dazu fühlte, dass mich seit langer Zeit positiv von den christlichen Symboliken ergreifen lies. Die Kirche an sich läd auch dazu ein, weil sie eben nicht so prätentiös daherkommt wie gedacht. Im Gegensatz dazu der Checkpoint Bethlehem und die Sepration Wall (der Banksy Hotspot), wo ich mich frage, was für eine Show da abgezogen wird. Die Sicherungsanlage wirkt sehr gewaltig verglichen mit der in Ramallah und zu fragen bleibt welche Wirkung an diesem touristischen Punkt beabsichtigt wird. Weihnachten war der zweite Besuch in Bethlehem. Beim ersten trafen wir ein paar Freunde und gingen doch tatsächlich tanzen im Cosmos. Erneut zu arabischem Techno. Ein sehr schönes Goodie, was sich gerne verbreiten kann: anstatt Brezeln und Chips gab es dort als Snacks Gurken, Karotten und Äpfel zum erholen und essen nach dem tanzen. Arabischer Tanz übt eine ganz eigenge Faszination aus, die Bewegungen verdeutlichen die unterschiedlichen Sozialisationen und formen Körper, Geschichten und Muster auf der Tanzfläche, die mir unbekannt sind. Wir fühlten uns wohl und auch das ein Paradox, wenn mensch sich überlegt, was vor den Türen geschieht. Vielleicht ironisch, vielleicht zynisch ein Banner der israelischen Regierung aus dem Jahr 2007.

Bang Bang Wild Weast

2010 Januar 2

Chanukka liegt hinter uns und es gibt keine Kerzenleuchter mehr hinter den teils bis zum vierten Stock verbarrikadierten Fenstern zu sehen. Die Sicherheitsvorkehrungen nehmen zum Teil groteskte Formen an. Auch in unserer Wohnung gibt es Gitter und Fliegengitter vor den Fenstern und es sieht aus wie im Gefängnis. Auch im Garten gibt es Stacheldraht, der uns zusätzlich noch schützen soll. Doch das hilft leider alles nichts. Wir badeten kürzlich und dachten eigentlich, dass Mascha vom Arzt zurück kam, unser “Hi Mascha!” nicht hörte und in ihr Zimmer ging um sich auszuruhen. Klingt an sich nach einer durchaus wahrscheinlichen Geschichte, doch als Mascha am Abend darauf angesprochen wurde “Oh, no I wasn’t here, I went wo the university, but the landlord was supposed to come to repair our sink…” ? Es stellen sich folgende Fragen: Warum kommt unser ultraorthodoxer Vermieter ohne Voranmeldung und ohne zu klingeln einfach in unsere Wohnung? Warum spricht er nicht mit uns? Und warum versteckt er sich bei Masha im Zimmer? Ich bin gerne bereit diesen Zwischenfall noch mit Humor zu nehmen, doch der zweite Versuch unser Waschbecken zu reparieren endete damit, dass er die beauftragten Handwerker in unserer Abwesendheit unbeaufsichtigt in die Wohnung ließ. Vorher-Nachher-Spiel: externe Backup-Festplatte weg. Es stellen sich wieder einige Fragen: Was ist wohl passiert? Wie dumm kann ein Vater von neun Kindern sein? Wie heißen die Wörter “Aufsichtsplicht”, “Verantwortung” und “Fahrlässigkeit” auf hebräisch? Wieso will er mir lediglich die Hälfte des Festplattenpreises zurückerstatten?

Dem gegenüber harmlos unsere Begegnung mit den arabisch-sozialierten Kindern am Damaskus-Gate und in der Altstadt. Eines bewarf mich mit einer (grünen) Paprika, die meine (rechte) Pobacke nicht verfehlte, woraufhin es sich schnell aus dem Staub machte. Ein anderes Kind spuckte uns aus einem Fenster heraus an. Ob es sich um xenophobe, rassistische oder homophobe Übergriffe handelte, lässt sich ebenso wenig sagen wie welche Wörter die Kids davon kannten und lernen werden. Es ist nur traurig, wenn Menschen in dem Alter schon so unterwegs sind.

Eben Vor zwei Wochen war ich auf einer Demo gegen neue jüdische Siedlungen im östlichen Teil von Jerusalem. Genauer gesagt in Sheik Jarrah, wo seit Mitte des Jahres ansäßige palätinensische Familien vertrieben und mit Untersützung der israelischen Regierung “immediately after” durch jüdische Siedler ersetzt werden. Es geht wieder mal nicht in meinen Kopf und es scheint so, als ließe sich die Geschichte Israels wirklich gut anhand der Geschichte der israelischen Siedlungen erschließen. Auch wenn es nicht der erste Mai in Kreuzberg war, gab es dennoch dank der Sambagruppe und den vielen beherzten Menschen eine aufsehen erregende Demo. Die Demos finden wöchtenlich statt. Letzte Woche wurden drei Freunde von mir arrestiert, “durften” 40 Stunden im Gefängis verbringen und bekamen die Auflage nicht mehr an illegalen Demonstrationen teilzunehmen sonst kostet es 1500 Shekel. Die Woche davor wurden die Trommler_innen eingesperrt, was sich gut in diesem Video zeigen lässt. Diese Woche war die Demo zwar angemeldet, was sich nach Aussagen meiner Freunde allerdings schnell ändern kann, wenn die Polizei sich dazu entschließt sie kurzerhand für illegal zu erklären. Als wir die Ben Yehuda runterliefen schlug eine Wasserbombe anderhalb Meter neben mir auf der Straße ein und verpasste mir eine kleine Abkühlung an den Waden. Begleitet wurde sie von dem Geschrei eines die israelische Fahne schwenkenden [neutrales Wort einsetzen], der die Demo von seinem Balkon aus [neutrales Wort einsetzen]. Geschrei von Passanten gab es öfter (siehe unten), Wasser aus Fenstern mit Israelfahnen selten. Die meisten der Banner, Plakate und Rufe waren in hebräischer Sprache- eine merkwürdige Situation, die komisch erscheint, solidarisiert sich die Demo doch mit den ansäßigen Palästinensern. Die Redebeiträge auf der Abschlusskundgebung wurde hebräisch und arabisch im Wechsle gehalten. Soweit ich weiß lief alles friedlich.

Bereits länger zurück liegt mein erster Besuch in Hebron, der Stadt der Patriarchen. Diese Stadt warf mich zwei Wochen aus der Bahn, denn was dort geschieht ist unvorstellbar. Eine hilfreiche Quelle diesbezüglich bietet B’Tslem die Menschenrechtsorganisation für die besetzten palästinensischen Gebiete. Doch bevor ich im mehr über die Zustände dort schreibe, ist es wichtig zu betonen, dass in der Stadt die Gräber der Patriarchen und Patriarchinnen liegen, die sowohl heilige Stätten für das Judentum und den Islam sind. Und das es die längste Zeit bis zu dem Massaker von 1929 die jüdische Minderheit mit der arabischen Mehrheit freidlich zusammenlebte, obwohl das heutzutage, wenn mensch dort hebräische Tags mit Schriftzügen findet die dazu aufrufen alle Araber zu töten. Und der Davidstern wird ein ekelhaftes Zeichen des Besitzanspruchs auf den Türen geschlossener palästinensischer Geschäfte. Im Bus kamen wir ins Gespräch mit dem Historiker Yaacov Lozowick , der auch über den Trip nach Hebron schreibt. Ein ebenfalls lesenswerter Artikel zum selben Thema stammt von Jo Ehrlich, der auch von Lozowick nochmal kommentiert wurde. Beide sind recht detailliert in ihren jeweiligen Sichtweisen, die sich nicht rauslesen lassen. (Aber in einem solche ignoranten Post wie diesem hier, sollte ich das nicht erwähnen…) Um die Dinge festzuhalten, die mir im Gedächtnis bleiben: David Wilders Ansichten, dass Araber kein Rückkehr und Bleiberecht in Israel haben “Arabs can’t come back, this is the price of war they have to pay.”*. Sie kommen aus dem Mund eines militanten jüdischen Siedlers, gesprochen im ausgestorbenen ehemaligen Zentrums von Hebron. Von einem der Gruppe der Menschen die mit beinahe der doppelten Anzahl Soldaten der IDF dort “beschützt” werden. An einem Ort an dem sich military law und civil law so verschränken, dass die jüdischen Siedler als Staatsbürger_innen und die umliegenden Palästinenser_innen als militärische Subjekte betrachtet werden. Konkret bedeutet dies, dass die Siedler auch bei ihren Übergriffen auf die noch im Zentrum verbliebenen palestinensischen Familien von den Soldaten nicht gehindert werden, weil sie diese ja “beschützen”… Wie weit das gehen kann zeigt sich gut auf der Seite von B’Tselem, deren “camera distribution project” (weitere Videos auch hier) die Palästinenser mit Kameras ausstattet, damit die Übergriffe dokumentiert werden können. Denn das Material der überall stationierten Überwachungskameras kann für diese Zwecke (wegen der verschiedenen Rechtsbereiche) nicht genutzt werden. Gegenüber einer jüdischen Schule lebt noch eine palästinensische Familie deren Haus inzwischen wie ein Käfig ausschaut, damit sie nicht angegriffen werden. Es gibt noch mehrere Beispiele für die Unerträglichkeit der Situation dort und auch Baruch Goldstein geht mir nicht aus dem Kopf- obwohl ich eine Diskussion (mit Natali) darüber führte, dass sich alle an ihn erinnern weil er den einzigen (?) jüdische Terroranschlag verübte wohingegen sich niemand mehr wegen der großen Anzahl der Selbstmordattentate im Zentrum Jerusalems der Jahre keine_r mehr an die einzelnen Personen erinnert. Es wurde ihm “zu Ehren” ein Denkmal errichted, was allerdings wieder entfernt werden musste. Im Jahr 2000 gab es eine “Graveside Party Celebrates Hebron Massacre” Es ist gerade an so einem Ort erschreckend, was sich im Namen des Judentums/ des Zionismus rechtgefertigt wird und dass unter solch einem Blickwinkel die derzeitige Situation auch irgendwie als angemessen dargestellt wird. Dem Gegenüber steht beispielsweise die Schilderung eines Menschen, den wir durch Zufall in Jerusalem trafen und der gerade traumatisiert aus seinem Armeedienst in Hebron zurückgekehrt ist. Beim camera-project und bei Heb2.tv gibts einiges an Videomaterial.

Zurück zur Rückfahrt, die nach dem ansehen der Situation und dem zuhören “beider Seiten” dennoch zu einer Diskussion zwischen einer konservativen amerikanischen Jüdin, drei Palästinensern, einem Mensch von B’Tselem, dem Historiker und uns führte. Mein Lieblingssatz von Lozowick zum Thema wie hostorische Konflikte gelöst werden: “if there would be justice, germany would not exist anymore.” Und mein Lieblingssatz zur Situation in Hebron: “You have to understand, that both sides are right.” Dem stimme ich zu und freue mich dennoch, die meiste Zeit etwas anderes zu machen.

* etwas pc-tauglichere Ansichten auf der Website der jüdischen Community in Hebron (D.W.: “You’ll find there lots of propaganda”) Und wem B’Tselem zu ideologisch ist kann dort auch eine Tour durch die Stadt buchen:

Hebron, the ultimate family experience in Israel!

Isn’t it about time you took your children to visit your great-grandparents in Hebron?

New armored  buses, inspiring guides like RabbiSimcha Hochbaum, Yossi Baumol & David Wilder, Hebron’s historic sites and our pioneering spirit – all come together to make this tour your most moving day in Israel!

Celebrate Jewish history with those who keep writing it!

In kurzer Zeit nach diesem Ausflug entschloss ich mich auch dazu nicht weiter hebräisch zu lernen, was zum einen daran lag, dass ich schwer mit dem lernen hinterherkam (12h/ Woche sind einfach zu viel) und wir zum anderen auch ein Lied für Einwander übersetzen sollten alá “Dies ist unser versprochenes Land, kommt in heilige Land,,,” was Natali nur kommentierte mit “Oh, you get there just this zionist crap?”. (naja). Die spannende Frage ist wohl: wie eine Kritik an Israel(/dem Zionismus) zu äußern ohne dabei antisemitisch zu werden?

Ebenfalls spannend ist wohl die Frage nach der “Dritten Generation” also “uns” und ihrem Umgang mit der Situation, der ich nicht aus dem Weg gehe und oft überrascht werde. Zionismus ist ein strittiges Thema. Von der israelischen Linken wird sehr scharf kritisiert bis abgelehnt. Auf der Demo in Sheikh Jarrah geht es soweit bis Parolen wie “One two three four- occupation no more; five six seven eight- israel a fascist state” Bei letztere würde ich gerne am Ende ein Fragezeichen hinzufügen, um zumindest den ersten Teil mitrufen zu können. Wie sehr die Begriffe “links” und “rechts” jedoch gedehnt werden können, wird ebenfalls wieder bei der Demo und den Beschimpfungen von jüdischen Männern am anderen Straßenrand deutlich, die den Demonstranten eine Solidarität mit Hitler unterstellten:

Ebenfalls eine verstörende Situation trag sich in der Bezalel zu, der als Flagschiff der israelsichen Kulturproduktion, eine wichtige Rolle zukommt. Auf der studentisch organisierten Chanukka Party gab es dann als Visuals im Wechsel Szenen der Gleise der nach Auschwitz rollenden Züge und den Anschlägen auf das World Trade Centre zu sehen. Ich lasse das unkommtiert. Sobald es nähere Erkenntnisse gibt, die über “The concept was everybody can submit works for the party and we take them without any selection” hinausgehen, sind sie der Vollständigkeit halber hier.

Da dieser Post ohnehin ignorant und unreflektiert ist, noch zum Abschluss mein Leckerbissen des letzten Monats- das von den israelischen Grenzbeamten zerschossene MacBook einer u.s.-Studentin. Das lässt keine Fragen mehr unbeantwortet:

Foto by Lily Sussman

Nach dieser willkürlichen Auswahl von Grausamkeiten, wünsche ich mir, bald wieder den Kopf frei für andere Dinge zu bekommen und meinen Blick wieder konstruktiver und wohlgesonnener ausrichten zu können.

Season Greetings

2009 Dezember 24
von Markues

Tel Aviv Remix

2009 Dezember 21

Nachdem Tobi seit einer zwei fast dreiWochen zurück in Berlin ist, schreibe ich nun über Tel Aviv und Jaffa, denke mit Freude zurück an die Sonnenuntergänge mit verschiedenden Komplikationen und leckerem gefrorenen Joghurt. Der alte Hafen Tel Avivs ist ein schöner Ort Sonnenuntergänge anschauen, wenn sich nicht gerade ein Kutter im entscheidenden Moment ins Bild bewegt oder in Fischer direkt neben uns am letzten Zipfel des Piers beschließt die Angel auszuwerden. Außerdem lassen von dort aus am Strand entlang, vorbei am religious- und am gaybeach die Galerien im ehemaligen Zentrum der Stadt erreichen. Der religiöse Strand ist selbstverständlich blickdicht abgeschirmt und zudem sonntags, dienstags und freitags nur für Frauen und montags, mittwochs und freitags nur für Männer geöffnet. Auch eine solide Ansage. Kurios ist dennoch die beinahe Nachbarschaft zum Gaybeach. Wenn mensch vom kurzen Stück Hundestrand absieht, was vielleicht programmatisch da angesiedelt wurde.

Das Zentrum Tel Avivs wandert mit der Zeit südlicher, da sich die Stadt auch im ganzen im Süden ausdehnt und so bereits auch schon mir Jaffa verschmolzen ist. Im nördlichen Teil Tel Avivs in der Gordon Street sind einige Galerien der älteren Generation anzutreffen. Wir machten uns also auf die Suche nach der Givon Gallery und im speziellen nach Arbeiten und Literatur über Moshe Gershuni. Bis eine Monographie veröffentlicht wird, braucht es noch etwas Geduld, sie ist allerdings in Arbeit. Ich freue mich schon sehr darauf. Außerdem lockte uns der gute Ruf des Nachum Gutman Museums an, dessen Ausstellung jedoch nicht die Erwartungen erfüllte. Die Architektur ist der Horror, es gibt extra Einlassungen in den Wänden für Klimaanlagen, die sich so penetrant im oberen Viertel der Wand verschanzen, dass die darunter angebrachten Bilder schwer gesehen werden. Ich freue mich auf die nächste Ausstellung dort. Wo es gerade um Ausstellungen geht: eine gute Übersicht über die Kunstwelt in Israel bieten Mutualarts.com, Messy.boat.bitch.on.yacht, Artis, der Tel Aviv Guide und Layla. Ein spannender Ort, der mir bisher entgangen ist ist das MoBY in Bat Yam, einer Vorstadt von Tel Aviv. Letzte Woche waren wir auf einem Opening von Valerie Favre in der Alon Segev Gallery und bei ein paar anderen Eröffnungen. Rätselhafterweise gibt es keine Getränke, sodass wir durchaus erfinderisch sein mussten um im White Cube nicht zu schmelzen…

Tel Aviv ist der Hotspot für Bauhaus Architektur- es gibt dort die weltweit größte Ansammlung von Bauten (und was davon übrig geblieben ist) dieses Stils. Eines unserer größten Hobbies ist es geworden mit dem Figner auf jedes Gebäude zu zeigen und mehr oder minder sicher “Dit isn Bauhaus, wa?” festzustellen. Das macht auf dem Rothschild-Boulevard schnell einen großen Gesprächsanteil aus. Noch ein Satz zum “davon übrig geblieben ist”: Die meisten der Gebäude sind in einem schlechten Zustand, abgesehen von den repräsentativen Bauten in der Nähe des Rothschild-Boulevard. Andere wurden bereits “renoviert”, allerdings nach etwas freierer Maßgabe. Nachträglich verglaste Balkone und zweistöckige Aufbauten sind keine Seltenheit und machen es nicht einfach, das Bauhaus in dem Gebäude zu sehen. Außerdem fehlt mir Kenntnis über die anderen Architekturstile, mit denen sich das mischt.

Berlin und Tel Aviv, lassen sich erstaunlich leicht gegenüberstellen. Was in Berlin die Kastanienallee ist, ist in Tel Aviv die Sheinkin Street. Castingallee trifft auf beide zweifelsfrei zu. Außerdem gibt es wie bereits erwähnt den Salon Berlin, der sich ebenso in Kreuzberg 36 oder im Stralau-Friedrichshain befinden könnte.

In Tel Aviv gibt es eine große Gay- und QueerSzene- die wohl einzige die so sichtbar liberal im nahen Osten zu finden sein dürfte. Und dennoch gibt es schmerzhafte Einschnitte: es ist kaum zu glauben, dass im GLBT-Centre im Meir Garden ein Anschlag auf die Jugendgruppe im Sommer verübt wurde. Als ich am Transgenderday of Rememberance das erste mal in deren Räumlichkeiten war- es gab leider keinen schönen ersten Anlass- war das Aguda dennoch gut besucht. Für mich ein kleines Wunder. Der Absatz wird nochmal überarbeitet.

Tel Aviv ist eine Blase in diesem Land- das lässt sich zwischen Buddha Burger und den leckeren Pizzen am Straßenrand leicht vergessen.

Ebenfalls zwei Wochen ist es her, als ich auf meiner ersten arabisch-palästinensischen Queerparty in Jaffa (das inzwischen von Tel Aviv aufgefressen wird) war. Wir wurden durch den Tipp einer Freundin überhaupt erst auf diese Party aufmerksam. Denn zum einen sind diese Parties nicht öffentlich angekündigt, da einige der Besucher_innen im Schrank sind und dort bleiben müssen/können/wollen. Zum anderen finden sie nicht regelmäßig sondern nur alle paar Monate statt. Die Erfahrung bleibt leicht im Gedächtnis, doch trotz der no photo-policy belichtete ich zwei unglaublich lang belichtete und bewegungsunscharfe Polaroids. Eine Form von Sichtbarkeit geben, die mehr eine Option behauptet als den Raum und die Menschen zu outen. Es lief ausschießlich arabischer Techno, den ich aufgrund seiner am Eurodance orientierten Beats ganz gerne mag. Die Party fing bereits um 17h an und endete relativ früh. Ich denke es liegt daran, dass einige der Gäste aus der Westbank und einem größeren Einzugskreis am Start waren. Ein großer Teil der Gäste waren “Männer”, optisch jedem Klischee von Araber entsprechend, dem mensch “schwul” als letzte Eigenschaft beimessen würde. Außerdem gab es einige Transen mit sehr schönen Performances. Anlässlich des Weltaidstages wurde nochmal für alle auf der Bühne erklärt, wie Kondome letztlich funktionieren- von einer unwiderstehlichen Kombination aus arabischer Transe, Gummi und Gurke. Hier werden Fragen der Aneignung und Subversion plastisch. Bei der nächsten Party bin ich wieder am Start.

Bis auf diese Party, einen Spaziergang durch die Altstadt und den Flohmarkt, wo ich eine schöne Leopardenfellweste kaufte, weiß ich nicht viel über Jaffa. Ich bin genervt von meinem touristischen Blick.

Ohne inhaltlichen Zusammenhang auf Nachfrage: The exchange students and Omri…

anachnu holechim lesof *

2009 Dezember 8
von ullett

ekonstruktion von erlebt,niedergeschrieben und gelöscht
war einmal ist zustand

die letzten wochen habe ich (und manchmal auch wir zusammen) damit verbracht einen teil des nahen umfeldes zu erkunden. vor ca. einem monat war ich das erste mal in der westbank/den palaestinensichen autonomiegebieten. auf dem weg nach ramallah faehrt man einen teil der strecke an der westbankmauer entlang. ich steige an dem checkpoint qualandia, der sich kurz vor ramallah befindet,aus. ich gehe zufuß durch den checkpoint und am eingang bleibt mein blick an einem schild haengen. es dient zur information über den checkpoint, den inhalt muss ich mir noch genau übersetzten lassen, es trägt arabische sowie hebräische schriftzeichen. die hebräischen sind fast ganz weggekratzt. sobald ich den checkpoint passiert habe sehe in der ferne ramallah und habe auch eine israelische siedlung im blick. ich werde von casim und basel, mit denen ich auch den hebräisch sprachkurs besuche, abgeholt. casim wohnt hinter dem qualandia camp und kurz vor ramallah und ist selbst in einem palästinensischen flüchtlingslager aufgewachsen. ich empfinde es als sehr wertvoll meinen ersten gang nach ramallah durch die begleitung der beiden zu machen. ramallah, in der auch einige teile der regierung ihren sitz haben und das vor kurzem von herrn westerwelle besucht wurde. ich nehme wahr, dass überall gebaut wird, als ich meine beobachtung äußere sagt einer der beiden that is one of the so called developing cities und weiteres dass es sehr einfach ist eine baulizens zu bekommen im vergleich zu israel. mein blick bleibt an den vielen tacs, grafittis hängen. die sprache stellt eine barriere zur völligen auffassungsgabe dar, aber ich kann wahrnehmen dass es sich meistens um politischen inhalt handelt. ich sehe weiße autokennzeichen, die man in israel nicht zu gesicht bekommen wird. dort sind sie gelb. an einigen ecken sehe ich weihnachtsschmuck vom letzten jahr und in einem einkaufzentrum gibt es schaukelpanzer fuer kinder. wir ueberqueren den markt, der die arabische version zu dem shuk in jerusalem darstellt wo ich immer einkaufe. ich nehme wenige touristen wahr. vielleicht sagt deshalb jeder dritte welcome zu mir. wir laufen in ramallah down town ueber einen platz, der nach arafats tod seinen namen trägt. sein portrait ist sehr präsent in ganz ramallah. die beiden fragen mich ob ich zu arafats grab fahren möchte, dass ein bisschen außerhalb von ramallah in al-bireh liegt. ich stimme, vor allem aus architektonischem interesse das mausoleum zu sehen, zu. es ist ein setsames gefuehl für mich so nahe an diesem sarkophag zu stehen der von 2 sicherheitskräften der palästinenischen ehrengarde bewacht wird. als wir dort stehen wird ein wechsel der leibwächter vollzogen indem sie ihre durchkomponierte choreografie vor uns abhalten. die höhe und breite des masoleums ergebe sich unter einbeziehung des geburts- sowie sterbedatum yassir arafats. jeder einzelne stein ist aus jerusalem transportiert worden. seinem wunsch auf dem tempelberg, nähe der al aqsa moschee begraben zu werden, ist die iraelische regierung nicht nachgegangen. hinter einigen verglasten teilen und außerhalb des mausoleums erkennt man fließendes wasser. es gibt auch einen turm der durch ein laserstrahl diesen ort mit der al aqsa moschee verbinden sollte, der laserstrahl ist allerdings gerade nicht aktiv. ich bemerke ein schild das bezeugt, dass jersusalem nur 14 km von hier entfernt ist. ich nehme an luftlinie. ich fahre diese 14 km zurueck mit dem gedanken bald wieder nach ramallah zu fahren um bei einem weiteren besuch auch einige kulturelle institutionen aufzusuchen.

morgen fahre ich mit basel, casim, feras und johannes nach jordanien. es wird unser zweiter roadtrip dahin. von dem 1. versuch nach jordanien zu fahren in der selben konstellation habe ich noch erinnerungen an 2x voller auto+personen scan, eine halbe stunde an der jordanischen grenze (sheikh hussein bridge) und ein gecancelltes visa in meinem pass. wir sind zu fuenft mit 9 reisepaessen bzw. reisedokumenten gereist und haben es trotzdem nicht geschafft gemeinsam die grenze zu ueberqueren.johannes und ich haben relativ leicht ein touristenvisa mit unseren europaeischen paessen bekommen. wir wurden nur kurz von der touripolizei inspiziert und nachdem wir irgendwas von petra geplappert haben war alles in ordnung. daraufhin wurden wir nochmal kurz mit einer logitec webcam gefilmt, mussten unseren fingerabdruck abgeben und dann 10 dinar bezahlen.
casim und basel die einen jordanischen pass bezitzen, wo bei nationalitaet = undefiniert (palaestinenser) steht, hatten es da nicht so einfach. ihr israelisches reisedokument stellt ja keinen pass dar und somit wurden sie darauf verwiesen,dass sie in der jordanischen botschaft in tel aviv erstmal dieses visum beantragen muessen. sie sind sonst waehrend der 6 jahre in denen sie in jordanien medizin studiert haben, ueber eine andere grenzbruecke (allenby) weiter suedlich gekommen wo sie keine probleme dieser art hatten. zusammen gekommen, zusammen wieder gefahren. also das ganze nochmal rueckwaerts. wieder ueber den jordan, vobei an dem israelischen grenz”terminal” mit duty free shop. waehrend der untersuchungswartezeiten beginnen wir verben aud dem sprachkurs zu deklinieren. irgendwann kommen wir an einer kaum befahrenen strasse an einem israelischen polizeiauto vorbei und werden kurz danach angehalten. nachdem unser auto einer 3.untersuchung an diesem tag vollzogen wurde laesst uns einer der polizisten barsch an wir sollen wieder einsteigen und sagt dem fahrer er soll mit ihnen kommen. kurz darauf sitzt feras mit einem ticket wieder hinter dem steuer. grund: er sei wohl zu weit links in seiner spur gefahren!? diese erneute ausuebung von uniformierter autoritaet macht mir zu schaffen und ich bin erstaunt wie ruhig die anderen dabei bleiben.
dann beschliessen wir nach tiberias an den see genezareth zu fahren um dort am wasser zu essen. es ist schon nachts als wir richtung westbank aufbrechen. wir fahren durch huegelige strassen ohne strassenlampen und hoeren dabei laut arabische musik. den checkpoint um nach jerusalem zu kommen lassen wir ueberraschenderweise fix hinter uns.

ich bin gespannt wie dieses erneute aufbrechen morgen wird. unser ziel ist erstmals irbid. eine stadt im norden jordaniens, wo die 3 studiert haben.
ich nehme fuer ein paar tage auszeit vom sprachkurs und uni. wie markues schon gemeint hat gibt es viele neue eindruecke und auch inputs in der letzten zeit. (hebron, abudis,altstadt jerusalem,tel aviv, miri segal class, miki kratsman und igal shem tov meeting point, hebrew from scratch..) wir werden sie nach und nach textlich aufarbeiten. ich muss auch ab und zu wieder meine blogscheue ueberwinden.

tobi hat mir aus berlin eine holga kamera mitgenommen. das gehause ist mit camouflagemuster ueberzogen. ein hier nur allzu verbreitetes “dekor”. diese kamera wird mir von nun an ein begleiter in diesem speziellen einsatzgebiet sein. auf der suche nach repraesentationsformen die nicht von der camouflagebrille maskiert werden.

*anachnu holechim lesof zeugt von unseren ersten versuchen spielerisch mit der hebraeischen sprache umzugehen und bedeutet woertlich soviel wie: wir gehen zum ende. (wir sind so am ende)

fishes and christians of colour

2009 Dezember 7

Die Chronologie auflösend beginne ich den Bericht nun mit meinem Aufenthalt in Sinai am letzten Wochenende, um dann weiter über Tel Aviv, Jaffo zu schreiben. Hebron, Ramallah, Abu Dis und die Erfahrungen in den palästinenschischen Gebieten folgen später.
Um der Anstrengung und der Anspannung in Jerusalem zu entkommen- ich merke wie die Ulpan und die Akademie an mir zergeln- fuhren Tobi und ich über das Wochenende in den Sinai, der im Süden an Israel angrenzt. Bei der Auswahl der Nachbarländer sind die aktuellen Friedensabkommen und die Rechtslage zu berücksichtigen. Derzeit sind Jordanien und Ägypten die einzigen Länder der Arabischen Liga und Nachbarländer die Israel als Staat anerkennen. Die Einreise ist als Ausländer theoretisch auch in den Libanon und Syrien möglich, jedoch bringt dies größere Sicherheitskontrollen, unangenehme Fragen und Komplikationen bei der Wiedereinreise mit sich, da keine Friedensabkommen mit beiden Ländern bestehen. Damit nicht genug sind die Rechslagen im Hinblick auf Queerness und Homosexualität nicht gerade einladend.

Sinai Hotel_ cc by-nc flickt nevolution

Wir fahren trotzdem und nicht deswegen in den Sinai. Mit dem Bus durch den Negev, am toten Meer und Ein Gedi vorbei nach Eilat, wo es weiter geht zum Grenze in Taba. Vorbei an der ungastlichen Landschaft und den Beduinendörfern, die ihr noch etwas abgewinnen können. In Eilat sah ich nur Hotels und auf Tourismus ausgerichtete Angebote. Die Stadt erfreut sich einer großen Beliebtheit, da im Süden Israels das ganze Jahr über die Sonne scheint, die gerade im Winter sehr hilfreich sein kann. Die Einsamkeit des Sinais bevorzugend sahen wir lediglich die Busstation und die Wege der Busroute nach Taba, wo wir von einer Gruppe im Müll fressender Dromedare empfangen wurden. In der Schönheit und Stille dieser Einsamkeit lässt sich schwer zurückdenken an die Terroranschläge der Jahre 2004-2006, die sich nachhaltig auf den Tourismus in die Region auswirken. Auf der Strecke von Taba und Nuweiba passieren wir die künftigen, betriebenen, verlassenen und nie fertig werdenden Hotels der Küstenlinie. Wir laufen einige Kilometer den teils sandigen teils felsigen Strand entlang, entdecken Sträucher in denen nach einer Überschwämmung Fische Schutz suchten und nun tot und vertrocknet zwischen den Zweigen hängen. Die roten Felsen im Rücken mit Blick auf Saudi Arabien machten wir uns in unserem Camp auf in das Meer zum schnorcheln. Die Kargheit über dem Meeresspiegel verwandelt sich unter Wasser in einen Lebensraum. Meine Biologiekenntnisse reichen gerade mal dafür einen Feuerfisch, Doktorfisch, Kaiserfisch, Lippfisch und nen Seeigel im Nachhinein zu identifizieren. Nur einen Bruchteil von dem was wir in dem Bruchteil Küste bei Nuweiba sahen lässt sich so beschreiben. Es ist unglaublich intensiv und ich zog mir eine Erkältung nach den mehrfahen Schnorchelabendteuern zu, obwohl das Wasser jetzt noch wärmer ist als die Nordsee im Sommer.

Sinai Fishes, Markues, 2009

Die Zeit verläuft langsamer im Sinai. In Anbetracht des frühen Sonnenaufgangs, ihrem Verlauf und den Möglichkeiten den Tag zu gestalten verblassen die Einheiten von Stunden, Minuten und Sekunden. Dies schätzen viele Hippies, die zahlreich anzutreffen sind. Es gibt alles was das (Hippie-)Herz begehrt außer einem leckeren Salat. In vier von vier Fällen bedeutet Salat: ganz kleingeschnittener Blattsalat, ganz kleingeschnittene Tomaten, ganz kleingeschnittene grüne Paprika und ganz kleingeschnittene Zwiebeln. Sonst gibts regional viel Fleisch, was es für Vegetarier und besonders für Venager nicht einfach macht etwas anderes außer Salat zu essen. Unsere Gastwirte waren alle männlich. Keine einzige Frau war in keinem der beiden Camps angestellt. Klingt komisch, ist aber so. Männlichkeit konstruiert sich hier anhand anderere Parameter, die ich noch nicht differenzieren kann. Überhaupt viel mir eher auf, wie wenig ich von der arabischen Kultur verstehe. Meiner Unsensibilität wurde ich mir am bewusst, als der Taxifahrer auf dem Weg zurück nach Taba auf verschiedenste Arten ihm entgegenkommende Fahrer grüßte. Mal mit Hupe, mit Handzeichen, mit Licht und mit Kombinationen dieser Optionen. In den Bambus- und Lehmhütten geschützt durch ein Moskitonetz machte ich mir noch keine Gedanken über die alltäglichen Rituale.
Vor der Ausreise aus Taba  trafen wir auf die Uhrsache der ungewöhnlich dicht befahrenen Straße, deren Lärm uns nachts (neben einem Moskito) weckte: die Pilger_innen des “NCPC Pilgrimage B747-400 Airlift 2009“. Diese mit einem speziellen “Christian Pilgrim Passport” ausgestatteten Reisenden besuchten den Berg Sinai. Alle mit der gleichen handgepäckgroßen Tasche ausgestattet, traten sie die Reise zu den heiligen Stätten des Christentums an. Durch ihre Gruppengröße die gleichzeitig auch Flugzeuggröße zu sein scheint, legten sie den Ablauf an der Grenze für mehrere Stunden lahm. Laut des Berichtes, werden dieses Jahr 20.000 Pilger von Nigeria ins heilige Land reisen, wir trafen an der Grenze auf einige Hunderte. Um überhaupt noch eine Chance zu haben die Grenze rechtzeitig vor dem letzten Bus zu passieren, wurden wir vorgelassen/ drängelten wir uns vor. Dies scheint der Standard bei großem Andrang sein: gegen Bakschisch als Fremder und für umme als Israeli vorgwunken/ -gelassen zu werden. Es entsteht eine paradoxe Situation. Einerseits privelegiert werden, was sich ungut mit rassistischen Stereotypen verschränkt. Andererseits Opfer der Situation zu werden und sich nicht mehr wegbewegen können weil später der Verkehr lahmliegt und ohne Reisebus dastehen. Die Frage bleibt, was im Fall einer anderen Reisegruppe passiert wäre. Tobi sagt er drängelt sich auch da vor, ich gehe im Zweifelsfall mit ihm. Wir trafen die Gruppe  an der Westmauer wieder, nahmen einen andern Eingang und kamen gleichzeitig an.
Dies ist wieder einmal ein Beispiel für die seltsamen Formen die Religiosität hier annimmt. Die Stoffe der nigrianischen Gewänder waren in “afrikanisch” anmutenden Mustern bedruckt, in die das Portrait Jesu eingebettet war. In Kombination mit dem der Reise gewidmeten Hand(gepäck)täschen eine visuell beindruckend und sie erinnerten mich an lebendige Skulpturen von Yinka Shonibare.

Die Innereien

2009 Dezember 2

Nach einigen Tagen der Abwesendheit wächst die Liste der festgehaltenden Dinge so schnell an, dass ich nun nach und nach die einzelnen Punkte abzuarbeiten. Gerade ist Tobi bei mir, was mich nicht dazu treibt hier übermäßig aktiv zu sein- allerdings gibt es vielleicht bald auch einen Post von ihm an dieser Stelle.

Daniel Maleck Lewy, 2005, all permissions are given

Merkwürdigerweise besuchten wir viele Orte, mit Verbindung um Christentum. Zum Beispiel die Grabeskirche/ Auferstehungskirche/ Anastasis, die sich am stilsichersten natürlich über die Via Dolorosa erreichen lässt. Wir wandelten auf der Via Dolorosa. Ich wandele auf der Via Dolorosa. Ich dachte ich komme drum rum. Wenn schon denn schon jedenfalls, auch wenn es ohne Kreuz ging, die sich am Straßenrand gegen Gebühr ausleihen lassen. An der ersten Station wurden wir von einem arabischen Guide aufgegabelt, der sich für meine Verhältnisse täuschend echt als alter interessierter Herr ausgab, der uns freiwillig herumführte. Ich stellte es erst nach der zweiten Station fest und wir bezahlten ihm letzten Endes seinen besten Stundenlohn in diesem Jahr… Spätestens nachdem wir eine Ansammlung von Kreuzen passierten und er meinte “You can take one and do an photo with it, but after leave it there- people pay to carry them around” wurde ich jeglicher Illusionen braubt. Die Tatsache, dass er Araber ist, gestaltete unseren Spaziergang undogmatisch und wir erhielten einige Informationen, die über die 14 Stationen hinausgehen. In den Abendstunden lag der Kreuzweg nahezu leer vor uns, keine Horden von Menschen, keine Prozession, wie oben zu sehen. Eher vereinsamt sahen wir den von blinkenden Lichterketten gesäumten eisernen Banner von Jesus drittem Sturz auf heutigen Dach der Grabeskirche, die benachbarte und gut verbarrikadierte jüdischen Familie auf einem Dach und Ariel Sharons Haus im muslimischen Viertel.

Stone of Anointing, Flickr cc by-nc betta design

Die Schauspiele die auf dem Weg zur und in der Grabeskirche selbst stattfinden sind beeindruckend. Gleich nach dem Durchschreiten der Pforte erblickt mensch Pilger_innen, welche die Replik des Salbstein Jesu berühren, küssen, ihre Kleidung oder sich selbst darauf werfen und sich im Fall einer Gruppenreise dabei gegenseitig fotografieren. Dies führt gleich am Anfang wie auch im Rest der Kirche zu einer wörtlich flashigen Situation. Es riecht nach Weihrauch, Ruß und den Kerzen, die nur kurz angezündet, gelöscht und dann mit nach Hause genommen werden. Von der Architektur her fällt Licht ein durch wenige Seitenfenster und das Oberlicht der Rotunda. Weiter illuminieren Energiesparlampen, LEDs, Öllampen und Kerzen die Innereien des Baus diffus und friedvoll und die Blitze der Kameras sezieren kalt und erfassend.

Der Baus ist strikt aufgeteilt, es gibt feste Regeln für die einzelnen Glaubensgemeinschaften und große Anspannung ist spürbar. Die Lithurgien finden nach strengen Choreographien und Zeitplänen statt. Die nicht an den Gottesdiensten teilnehmenden Anwesenden wirken deplaziert und werden von Ordnern und Polizeiabsperrungen deregiert und synchronisiert. “Go away, go away, they’re coming!” war der Hinweis an uns zu gehen, damit der  Zug römisch-katholischer Geistlicher den Weg durch die einzelnen Stationen fortsetzen kann. In kurzen zeitlichen Abstand wurden diese gefolgt von den griechisch-orthodoxen(?) Gläubigen. Für wen die Orgel genau spielte, wen sie störte kann ich nicht sagen. In dem ganzen Chaos ist beeindruckend wie ruhig und kraftvoll der Gottesdienst des römisch katholischen Zugs ablief im Vergleich zum orthodoxen, der eher aggressiv durch die Kirche marschierte. Auch der Mönch der den Einlass zum Grab Jesu beaufsichtigt ist alles andere als entspannt. Seine zwar unleidliche Aufgabe die von Polizeiabsperrungen geordneten Pilger_innen in Fünfergrüppchen in die Ädikula zu lassen, ist sicherlich bei dem für den Ort unangemessenem Gedränge und Gerangel noch ermattender, dennoch trägt er einen guten Teil zur angespannten Atmospäre bei, wenn er die am Grab Jesu knienden Menschen von dort wieder herausscheucht “Short, short! Later, you can pray longer.”

Grabeskirche_c by Markues_2009

Vier Tage im Offline

2009 November 26
Tags:
von Markues

Ich bin vier Tage im Offline, am toten und am roten Meer, im Sinai, mit bunten Fischen schwimmen und wandern in Ein Gedi und Massada. Dann schreibe ich über die Via Dolorosa und die Pilger, die Kreuze entlang von mit Leuchtschlangen gesäumten Christusfiguren tragen.

Blue Screen of Death

2009 November 21
von Markues

Hebrew in 10 days is possible!

2009 November 17

Ein beliebtes Angebot einiger Ulpanim: Hebrew in 10 days is possible! Dieses Ziel schien mir bereits bei der Auswahl der Ulpan so unwahrscheinlich, dass ich mich stattessen für die 120h Variante bis Level Bet entschied. Irgendwas sagte mir, dass alles ganz entspannt läuft, doch nach einem Monat und ca. 40h Sprachkurs sieht die Realität anders aus. Gestern lernte ich insgesamt sechs Stunden mit mäßigem Erfolg. Und es reicht bisher nichtmals dazu ein Profil bei Atraf ohne Google-Übersetzer auszufüllen.

Das Hebräische ist eine einizige Aneinanderreihung von nicht herleitbaren Rechtschreibungen und das alles in zwei Geschlechtern in je zwei Fällen- das beinhaltet noch nicht die Zeiten. Substantive, Verben, Pronomen, Adjektive und sogar die Zahlen(!) werden in zwei Geschlechtern konjugiert/ dekliniert. Das führt dazu dass die Uhrzeit mit dem Zusatz Minuten (“14 Uhr 20 Minuten”) in männlichen Zahlen angegeben wird (die Minuten sind hier männlich), wohingegen die vollen Zahlen weiblich benannt werden (“14 Uhr”). Auch schön sind die Singular-Pluralkonjugation von Substantiven mit Adjektiven, wenn das männliche Substantiv im Plural die weibliche Singularendung bekommt, das dazugehörende Adjektiv allerdings aufgrund des Geschlechts in die männliche Pluralform gebracht wird… Eine wundervolle Ausnahmen stellen die im aktiven Bewusstsein eher stiefkindlich behandelten Adverben dar, die hier der bisher einzige Satzteil sind, der einfach immer bleibt und nicht gebeugt wird. Die machen sich gut.

Auch wenn die Ulpan derzeit überfordert und frustriert bleibt der weitere Weg spannend. Am schönsten ist, dass sich der Kopf in anderen Bahnen bewegt und es möglich ist- trotz holpern- etwas zu lernen. Mit dem Bus fahre ich morgens durch drei (ultra-)orthodoxe Quartiere- dementsprechend schwarzbemantelt und schläfenbelockt sehen dann auch die Mitfahrer, berockt und haarverpackt die Mitfahrerrinnen aus (im hebräischen weiß ich noch nicht wohin mit dem Unterstrich.) Wenn die Kids zur Schule/ Jeshiwa fahren verstehe ich manchmal einige Teile des jiddischen. Auf jeden Fall die Zahlen. Die Männer tragen oft eine große Tora/ einen großen Talmud mit sich herum. Die Spannung zwischen dieser Konzentration auf die Religion und das gleichzeitige eingebettet sein in westlich-kapitalistische Produktionsverhältnisse finde ich jeden morgen noch sensationell, sobald der erste Haredi sein Handy oder einen mp3-Player auspackt. Weil es noch keine gute Möglichkeit der Verständigung gibt, fällt ein Dialog schwer- so bleibt unklar wie sich die Eindrücke einfangen lassen. Unser Vermieter ist ebenfalls ultraorthodox, Vater von elf Kindern und kommt nur “without promise”, auch wenn der Abfluss seit zwei Wochen verstopft ist. “Without promise” heißt übersetzt “nein”- würde er es versprechen muss er auch kommen. Inzwischen ist unser Abfluss wieder frei, allerdings traute ich mich nicht ihn zu treffen. Masha meinte nur “No problem, he’s just worrying that he does not rent flats to arabs.” Wie schnell ich allerdings doch zu dem verworfenen Teil seines Symbolischen gehöre, wollte ich dann nicht rausfinden, ebenso befürchte ich nach dieser Ansage nicht nur sprachliche sondern auch inhaltliche Verständigungsprobleme. Brille.

Beim Hebräisch lernen und dem damit verbundenen Aufwand, denke ich oft an die Energie die nötig war um diese Sprache wieder zu beleben, und die Kraft die jede_r einzelne braucht um sie zu lernen. Auch die moderne Infrastruktur des Landes, die eben nicht selbstverständlich existierte sondern zu großen Teilen von privaten Geldgeber_innen (mit-)finanziert wurde. Darüber hinaus ist vieles mit persönlichen Namen benannt. Inzwischen verwunderen nicht mehr die vielen Tafeln, wo die Trustees genannt werden, und es ist selbstverständlich ins Blanche & Romie Shapiro Department of Fine Arts zu gehen oder in die Frank Sinatra Caféteria oder generell in die Bezalel Academy. Es ist schon beeindruckend mit welcher Gewalt sich der jüdisch-zionistische Diskurs materialisiert(e), gleichzeitig das Vorhandende verdrängte und nun eine kohärente israelische Identität aufrecht zu erhalten versucht. Als Yona Yulie Cohen Gerstels Film in einer anderen Klasse zeigte wurde gegen sie eine Beschwerde von einem Studierenden eingereicht, weil ihre Lehre/ der Film eben dieser phantasmatischen Vorstellung entgegensteht. Es stehen hier zwei parallele Narrative von Geschichte gegenüber, eine Konstruktion mit der sich nicht agieren lässt.